Anarchie ist eine Ethik
Aus When Life was a Miracle
Von Emil Gruber
Was ein Charles Eames, Mies van der Rohe oder Le Corbusier als Gallionsfiguren in der Architektur waren , waren ein Henri Cartier Bresson [1], aber auch seine Partner Robert Capa, Werner Bischof , George Rodger oder David Seymour in der Fotografie. Die Agentur Magnum, von ihnen 1947 gegründet, hatte das Ziel, nicht mehr in Abhängigkeit der großen Magazine und deren Bildredakteuren zu sein, bei Verkauf eines Bildes an eine Zeitung sofort die Rechte daran für immer zu verlieren oder gar Inhalte der Fotos durch Beschneidung eines Bildredakteurs verändert zu finden. Themen sollten frei gewählt werden können, die Länge eines Einsatzes selbst bestimmt werden. Es ging um Abenteuer und Freiheit und um einen humanen Grundgedanken, natürlich stark noch vom beendeten zweiten Weltkrieg beeinflusst. [2] Cartier Bresson wurde einmal für eine mehrtägige Gastvorlesung auf eine amerikanische Universität eingeladen. Er sprach dort vor der Fotografenklasse in den ersten zwei Tagen nur über Musik, als irgendwann ein Student ihn fragte, wann denn nun endlich sie etwas über das eigentliche Thema erfahren werden. Cartier meinte nur zu ihm, wenn der Student die Musikinformationen richtig verarbeitete, habe er mehr über die Fotografie gelernt, als wenn Bresson über Bildgestaltung, Technik etc. gesprochen hätte.
In einer Welt in der es wichtiger den je ist, kulturelle Verantwortung zu übernehmen, eine humanistische Tradition nicht zu verlieren, kann es nicht schaden, auch das Abbild der Architektur zu überdenken. Wir leben in einer virtuellen Zeit, sie erzeugt heute mit der entsprechenden Software Bilder von Plänen und Visionen der Welt, die so fotorealistisch sind, dass im ersten Moment es erscheint, als ob das klassische Foto obsolet sei. Auch der Fotograf ist heute vorwiegend in Inszenierung tätig, technische Perfektion wird oftmals über Aussagekraft gestellt. Inhalte werden manipuliert, Verpackung triumphiert. Der Fotrograf reist mit einem süssen Teddybären im Gepäck zu Katastrophen, um wirkungsvoll das Drama zu erhöhen und Tote werden schon mal gegen eine kleine Bestechung wieder aus den Leichenschauhäusern geholt und entsprechend ausdrucksvoll auf der Strasse positioniert, weil das Licht draussen besser ist. Die virtuelle Welt ist gefährlich, wenn wir dabei unseren Körper darin aufgeben und aufhören selbstständig zu entdecken, zu reisen, zu schauen, ständig zu zweifeln und zu hinterfragen. Stellt euch bewußt dem allgemein Gültigen in den Weg. Anarchie ist eine Ethik, sagte Bresson einmal.
„Um die Welt zu bedeuten, muss man sich dem verbunden fühlen, was man mit dem Sucher ausschneidet. Eine solche Haltung verlangt Disziplin, Feingefühl und Sinn für Geometrie. Erst durch große Sparsamkeit in der Wahl der Mittel gelangt man zur Einfachheit des Ausdrucks. Man muss immer in größtmöglicher Ehrfurcht vor dem Gegenstand und sich selbst photographieren.“ Aus Cartier Bresson, Auf der Suche nach dem rechten Augenblick Nach dem Bild der Natur
Der deutsche Architekt Oswald Mathias Ungers hat einmal gesagt „Architektur ist nicht Alles , was nicht umfällt“.
Es sollen hier nicht architekturfotografische Ikonen wie Ezra Stoller [3] oder Julius Shulman [4] zerstört werden. Aber Architekturphotographie ist normalerweise grosse Inszenierung. Meistens menschenleere, in perfekter Ordnung sich befindliche Räume oder Gebäude mit einer auf einem Stativ festgemachten Mittel- oder Großformatkamera, fein ausgewogene, mit dem Belichtungsmesser ständig kontrollierte Beleuchtung und Belichtungsreihen von dutzenden wenn nicht hunderten Fotos. Zufall, einer der wesentlichsten Bestandteile von Abenteuer, bleibt ausgeschlossen. Warum eigentlich ? Weil dieser Zufall von der gewollten Aussage ablenkt? Falsch ! Jedes Foto ist an sich Architektur. Selbst wenn ich nur meine fünfjährige Nichte mit der Katze in der Hand der grünen Wiese mit dem Fotohandy ablichte , denn ich habe Raum und Form auf jedem Bild. Die Frage, ob ein Foto nun gut oder schlecht ist, steht nicht im Vordergrund, denn das entscheidet sich immer erst im Auge des Betrachters. Emotion des Fotografen muß nicht automatisch die Emotion des Betrachters bedeuten. Hier liegt auch der Widerspruch in der klassischen Architekturfotografie. Sie verleugnet, dass Fotografie pure Subjektivität in einem vom Fotografen erzeugten Rahmen ist, will uns aber durch die Inszenierung Objektivität vortäuschen. Angenommen ich stehe vor einer Leinwand auf der ein unbekannter Film läuft und ich fotografiere, während der Film läuft, einmal die ganze Leinwand , dann einen Ausschnitt rechts oben, unten links, in der Mitte, dann wieder vollformatig die Leinwand. Kann ich behaupten, wenn ich jemandem die Bilder vorlege, er weiß nun Bescheid über Inhalt, Emotionen und Ausgang des Filmes? Wohl kaum, selbst wenn die einzelnen Fotos für den Betrachter ansprechend waren. Ein dunkles Gebäude in der Nacht fotografiert, in dem nur im fünften Stock ein Fenster erleuchtet ist, löst eine andere Assoziation aus, als das gleiche Gebäude im hellen Sonnenschein, ein Hund, der an der Hauswand seinen Haxen hebt und seine Duftmarke setzt, löst andere Bilder aus, als wenn ein Liebespaar davor sich küsst. Es ist viermal dasselbe Gebäude, doch jedes Mal anders. Es erzeugt Sehnsüchte, Ängste, Freude oder Gleichgültigkeit aber nie Objektivität. Wir Fotografen sind Manipulatoren, ihr seht nur das, was wir nicht zensiert haben. Daher sind wir um so mehr angehalten, bei unserer Arbeit Leidenschaft mit Verantwortung zu vereinen.
Cartier Bresson noch einmal: "Die Photographie ist für mich das Erkennen eines Rhythmus von Oberflächen, von Linien und von wertvollen Inhalten aus dem Leben. Das Auge schneidet das Motiv aus und der Apparat hat nur seinen Dienst zu tun, das heißt, die Entscheidung des Auges auf den Film zu bringen. Die Komposition ist die organische Zusammenfügung von sichtbaren Bestandteilen. Man fügt nicht grundlos zusammen, es bedarf der Notwendigkeit und der Inhalt ist von der Gestalt nicht zu trennen. Wir arbeiten in Bewegung, in einer Art Vorausahnung des Lebens und die Photographie muss bewegend das ausdrucksvolle Gleichgewicht bestimmen." Aus Auf der Suche nach dem rechten Augenblick Die Komposition
Das gilt für alle Sparten des Kreativ sein. Unsere Welt ist fast eine Kugel, das bedeutet, wenn wir uns auf einer geraden Bahn von einem Ort wegbewegen, kommen wir ihm wieder immer näher. Ihr habt auch die Verpflichtung, euch immer wieder weit von der Architektur zu entfernen, um mehr von ihr zu erfahren. Nach dem ersten Weltkrieg war Mitteleuropa in der Kunst extrem gespalten, auf der einen Seite die gigantomanischen grössenwahnsinnigen Neoklassizisten, die in die Architektur eines Albert Speer mündeten oder sich in unsäglichen pathetischen Büchern Ernst Jüngers wie Stahlgewitter äusserten, aber andererseits entstand auf der anderen Seite der Dadaismus und der Surrealismus. Dada kommt aus dem Französischen und bedeutet Holzpferdchen.Es imponiert durch seine Kürze und Suggestivität, sagte sein Erfinder Hugo Ball [5], einer der Gründungsväter dieser Kunstrichtung. Hans Arp [6], ein weiterer bedeutender Vertreter erklärte provokant: „Der Dadaismus hat die schönen Künste überfallen. Er hat die Kunst für einen magischen Stuhlgang erklärt, die Venus von Milo klistiert und Laokoon und Söhnen nach tausendjährigem Ringkampf mit der Klapperschlange ermöglicht, endlich auszutreten. Der Dadaismus hat das Bejahen und Verneinen bis zum Nonsens geführt. Um Überheblichkeit und Anmaßung zu vernichten, war er destruktiv." Hugo Ball schrieb in einer Tagebucheintragung 1916 : Was wir Dada nennen, ist ein Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind; eine Gladiatorengeste; ein Spiel mit den schäbigen Überbleibseln; eine Hinrichtung der posierten Moralität und Fülle. Der Dadaist liebt das Außergewöhnliche, ja das Absurde. Er weiß, daß sich im Widerspruche das Leben behauptet und daß seine Zeit wie keine vorher auf die Vernichtung des Generösen abzielt. Jede Art Maske ist ihm darum willkommen. Jedes Versteckspiel, dem eine düpierende Kraft innewohnt. Das Direkte und Primitive erscheint ihm inmitten enormer Unnatur als das Unglaubliche selbst. Cartier Bresson konnte als junger Mensch Hauptvertreter dieser Strömung in Frankreich wie Louis Aragon [7] und Andre Breton [8]kennenlernen und sein ganzes Werk wurde dadurch nachhaltig beeinflusst. Aragon schreibt in seinem Hauptwerk „Le paysan de Paris“ vom "Wunderbaren des Alltäglichen" und davon dass das jeweilige "Moderne" sich einem „in stetigem Vergehen und Wandel begriffenen Werdens“ sich befindet. Ein Hauptthema des 1926 erschienenen Buches, dass als eine Art Bibel des Surrealismus gilt, ist das damals noch neue Medium Fotografie und damit die neue Droge "Bild" und dessen "zügelloser, leidenschaftlicher Gebrauch", dessen "unkontrollierte Hervorrufung um seiner selbst willen" und "der unvorhersehbaren Störungen und Verwandlungen , die es im Bereich der Vorstellung nach sich zieht".
In den Fotos Bresson wird dieser Kern der Widersprüchlichkeit stark sichtbar. Zusammen mit seinem unglaublichen Gefühl für Formen und Geometrie hat er in Tradition des Surrealen mehr zur Abbildung der Architektur geliefert, als jeder ausgewiesene Experte in dieser Disziplin.
Bei Bildern Bressons assoziert sofort Eigenes, es entstehen Geschichten, die sich ausserhalb des Bildes fortsetzen und die eigene Interpretation anheizen und nicht von einer intellektuellen Vorgabe des Künstlers abhängen. Cartier blieb bis zu seinem Tod 2004 ein Abenteurer und damit ein neugieriges aufsässiges Kind. Er entwickelte den Begriff des „moment decisive“, den entscheidenden Augenblick, den es vorausschauend gilt zu entdecken und festzuhalten, sein Pariser Freund Robert Doisneau [9]erweiterte diesen Gedanken zu den „drei Sekunden Ewigkeit“, die jedes Bild vom Entdecken über den Blick durch den Sucher bis zum Auslösen der Kamera hin erzeugt.
Wenn ihr an einem Projekt arbeitet, soll ein ähnliches Gefühl entstehen, wie wenn ihr euch verliebt, wenn ihr in neuen unglaublichen Landschaften das erste Mal im Echtleben steht, wenn ein vertrauter Mensch stirbt oder ihr den Jackpot im Lotto knackt. Es muss für euch unglaublich werden und alle Emotionen in euch wachküssen. Ein Indianer Jones in permanenter Action. Tanzt immer und überall und entdeckt, dass jeder genug körpereigenes Extasy erzeugen kann, damit die Phantasie anheizt. Wer das Objektiv der Kamera zum Subjektiv umbenennt und sich damit seiner Lügen bewusst ist, erzeugt schon wieder eine Annäherung zur Wahrhaftigkeit.
Bildbeispiele copyright by Emil Gruber

