Ausschnitte aus: Im Wendekreis des Steinbocks
Aus When Life was a Miracle
Ausschnitte aus : „Im Wendekreis des Steinbocks“ ( von Henry Miller) [1]
„Hat man erst einmal den Geist aufgegeben, folgt alles andere mit tödlicher Sicherheit, sogar mitten im Chaos. Von Anfang an war nichts anderes als Chaos: ein Fluidum, das ich einatmete, das ich durch die Kiemen einatmete, in den untersten Schichten, wo der Mond ruhig und verschleiert schien, war es mild und fruchtbar, weiter oben Dissonanz und Misshelligkeit. In allem sah ich rasch den Gegensatz, den Widerspruch – zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen die Ironie, das Paradox. Ich selbst war mein schlimmster Feind. Alles, was ich zu tun begehrte, hätte ich ebenso gut lassen können. Schon als Kind, als es mir an nichts fehlte, wollte ich sterben: Ich wollte aufgeben, weil kämpfen mir sinnlos schien. Ich fühlte, dass nichts bewiesen, nichts verwirklicht, hinzugewonnen oder verloren würde, wen ich ein Dasein weiterführte, wonach ich nicht verlangt hatte. Jeder in meiner Umgebung war ein Versager, wenn er kein Versager war, lächerlich. Besonders die Erfolgreichen. Die Erfolgreichen langweilten mich zu Tode. Für Versager hatte ich etwas übrig, aber nicht Mitgefühl ließ mich so empfinden, sondern eine rein negative Eigenschaft, eine Schwäche, die sich beim bloßen Anblick menschlichen Elends regte. Nie half ich einem Menschen in der Erwartung, dass es zu etwas gut sein könne; ich half, weil ich außerstande war, anders zu handeln. Den Zustand der Dinge ändern zu wollen, schien mir zwecklos; ich war überzeugt, dass nichts wirklich geändert würde, es sei denn durch eine Wandlung des Herzens, und wer vermöchte schon die Herzen der Menschen zu wandeln? Dann und wann wurde ein Feind bekehrt: so etwas konnte mich zum Kotzen bringen. Ich hatte Gott nicht nötiger als er mich,[2] und wenn es einen gäbe, sagte ich mir oft, würde ich ihm ruhig entgegentreten und ihm ins Gesicht spucken.
Am lästigsten war, dass mich die Menschen auf den ersten Blick gewöhnlich für gut, freundlich, großzügig, treu und zuverlässig hielten. Vielleicht besaß ich diese Tugenden wirklich; aber dann nur, weil ich gleichgültig war: ich konnte es mir leisten, gut, freundlich, großzügig, treu und so weiter zu sein, da ich frei von Neid war. Gerade dem Neid fiel ich nie zum Opfer. Nie war ich auf irgendjemanden oder irgendetwas neidisch. Im Gegenteil, für alle und alles empfand ich nur Mitleid.
Von allem Anfang an muss ich mich dazu geschult haben, mir nichts allzu heftig zu
wünschen. Von allem Anfang an war ich unabhängig, freilich auf falsche Weise. Ich brauchte niemanden, weil ich frei sein wollte, frei, zu tun und zu geben, was mir meine Launen diktierten. In dem Augenblick, wo etwas von mir erwartet oder verlangt wurde, begehrte ich auf. So äußerte sich meine Unabhängigkeit. Mit anderen Worten, ich war verdorben – verdorben von Anfang an. Es ist, als habe meine Mutter mich mit einem Gift genährt, und obwohl ich früh entwöhnt wurde, blieb mir das Gift im Blut. Sogar als sie mich entwöhnte, ließ mich das anscheinend völlig gleichgültig; die meisten Kinder rebellieren oder fühlen sich wenigstens berechtigt zu rebellieren, aber ich scherte mich nicht drum. Schon in den Windeln war ich Philosoph. Aus Prinzip war ich gegen das Leben. Aus welchem Prinzip? Dem Prinzip der Zwecklosigkeit. Alle um mich herum kämpften. Ich strengte mich nie an. Gab ich mir den Anschein, mich anzustrengen, dann nur jemand anders zu liebe; im Grunde war es mir schnuppe. Und welche Erklärung sie mir dafür auch geben könnten, ich muss sie ablehnen, denn die Wurstigkeit ist mir angeboren, und daran ist nichts zu ändern, Später, als ich erwachsen war, hörte ich, dass man elende Mühe gehabt hatte, mich aus dem Mutterleib herauszubringen. Das kann ich sehr gut verstehen. Warum sich von der Stelle rühren? Warum aus einem wohligen, warmen Ort hervorkommen, einer behaglichen Zuflucht, wo einem alles gratis geboten wird? Die früheste Erinnerung, die ich habe, ist die an die Kälte, den Schnee und das Eis im Rinnstein, den Reif an den Fensterscheiben, den frostigen Hauch der feuchten, grünen Küchenwände. Warum leben Menschen in fremdartigen Klimata, in den so genannten gemäßigten Zonen, wie sie fälschlich bezeichnet werden? Weil die Menschen von Natur Dummköpfe, Faulpelze und Feiglinge sind.
Bis zu meinem zehnten Lebensjahr wurde mir nie bewusst, dass es <warme> Länder gab, Orte, wo man nicht für seinen Lebensunterhalt schuften, auch nicht frieren und vorgeben musste, das sei gesund und erhalte frisch. Überall, wo es kalt ist, gibt es Menschen, die sich schinden, und wenn sie Kinder in die Welt setzen, predigen sie den Kindern das Evangelium der Arbeit – das im Grunde nichts anderes ist als die Lehre von der Trägheit. Meine Leute waren alle nordischer Abkunft, mit anderen Worten: Idioten. Allen Blödsinn, der je verkündet wurde, machten sie sich zu Eigen. Darunter die Lehre von der Sauberkeit, von der Rechtschaffenheit ganz zu schweigen. Sie waren peinlich sauber. Aber innen stanken sie. Kein einziges Mal hatten sie die Tür zur Seele aufgetan. Kein einziges Mal fiel es ihnen ein, blind links einen Sprung ins Dunkle zu tun. Nach Tisch wurden die Teller prompt abgespült und in den Geschirrschrank gestellt; war di e Zeitung gelesen, wurde sie sauber gefaltet und auf ein Regal gelegt; war die Wäsche gewaschen, wurde sie gebügelt, gefaltet und in die Schubladen verstaut. Immer dachte man an morgen, aber das Morgen kam nie. Die Gegenwart war nur eine Brücke, und auf dieser Brücke stöhnen sie noch, so wie die ganze Welt stöhnt, und keiner dieser Dummköpfe kommt darauf, die Brücke in die Luft zu sprengen.[4]
In meiner Verbitterung suche ich oft nach Gründen, sie zu verurteilen, um mich selbst desto mehr zu verurteilen. Denn auch ich bin in vieler Hinsicht wie sie. Lange glaubte ich, ich sei ihnen entronnen, aber mit der Zeit merke ich, dass ich nicht besser bin, ja, dass ich sogar ein wenig schlechter bin, denn ich sah klarer, als sie das jemals taten, und hatte doch nicht die Kraft, mein Leben zu ändern. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, ist mir, als hätte ich nie etwas aus eigenem Entschluss, sondern immer nur unter dem Druck anderer getan. Die Leute halten mich oft für einen abenteuerlustigen Burschen; nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Meine Abenteuer waren stets zufällig, stets mir aufgezwungen, stets mehr erduldet als unternommen. Ich bin ganz aus dem Stoff der stolzen, ruhmredigen nordischen Rasse, die nie den geringsten Abenteurergeist besessen, aber dennoch die Erde durchwühlt, sie auf den Kopf gestellt und überall ihrer Spuren und Ruinen hinterlassen hat. Ruhelose Geister, aber keine Abenteurer. Gequälte Geister, unfähig, in der Gegenwart zu leben. Elende Feiglinge alle, mich nicht ausgenommen. Denn es gibt nur ein einziges großes Abenteuer, das innere Abenteuer der Suche nach unserem Selbst, und dabei spielen weder Zeit noch Raum, ja nicht einmal Taten eine Rolle.“
Ein Beitrag von: Cornelia Reiser
